Am 2. August 2025 hat Amazon mein E-Book veröffentlicht.
Ich sollte stolz sein. Doch stattdessen saß ich vor dem Bildschirm und aktualisierte im Sekundentakt das Backend – in der Hoffnung, dass es niemand findet. Warum? Weil ich Angst hatte. Vor Kritik. Vor Fehlern. Und davor, dass mein kleines Projekt vielleicht einfach nur … peinlich ist.
Aber erst einmal eins nach dem anderen: Du hast ein E-Book veröffentlicht? Ja, es ist ein Ratgeber über Schwangerschaftsdiabetes. Das ist für die meisten eher ein uninteressantes Thema. Für mich als ehemals Betroffene ist es aber schön. Als Expertin für das Thema würde ich mich nicht bezeichnen, aber es gibt einfach zu wenige Informationen dazu. Meistens sind es nur kleine Abschnitte in den unzähligen Schwangerschaftsratgebern, die einen mit einem Hauch von Nichts zurücklassen.
Ich habe Angst, mein Kind zu schädigen
Es war das Jahr 2020, als ich schwanger wurde. Während die Corona-Pandemie für viele andere das größte Problem in diesem Jahr war, zweifelte ich daran, eine gute Mutter zu sein, obwohl ich noch gar keine Mutter war. Dass ich schwanger war, erfuhr ich durch die wunderschöne, bleiernde und kräftezehrende Morgenübelkeit. Mein Kind und ich verbrachten das erste Trimester hauptsächlich damit, gemeinsam über der Toilettenschüssel abzuhängen. Während ich würgte und stöhnte, hörte es zu, statt dass wir es uns gemütlich machten und gemeinsam auf der Couch den sanften Klängen Mozarts lauschten oder in Enzyklopädien schmökerten.
Danach schleppte ich uns zum Physiotherapeuten. Ich versuchte irgendwie, meine Rückenschmerzen im mittleren Rücken loszuwerden, aber meine immer größer werdende Kugel am Bauch war dabei ständig im Weg. Dann wurde mir die Hiobsbotschaft „Schwangerschaftsdiabetes“ mitgeteilt. Ich hatte das Gefühl, schon vor der Geburt am Muttersein gescheitert zu sein. Ich war nervlich am Ende, verzweifelte jetzt schon vor dem, was kommen würde, und man gab mir nicht mehr als einen zweiseitigen Informationsflyer mit? Die Verzweiflung lief auf zwei Beinen und hieß Christiane.
Aber wer wird schon schwanger? Richtig, erwachsene Menschen werden schwanger und Erwachsene sind verantwortungsbewusst. Zusammen mit der Vernunft redete mir mein Verantwortungsbewusstsein gut zu. Sie sagten: „Versuche, dich bestmöglich zu informieren. Fange an, zum Thema Schwangerschaftsdiabetes zu recherchieren. Blättere in all den unzähligen Büchern über Schwangerschaft. Klicke jeden Link an, der auch nur im Entferntesten nach Schwangerschaftsdiabetes klingt. Tauche ganz tief in die Materie ein. Das ist nicht nur für dich. Es ist zum größten Teil auch für dein Kind!“ Ich war es mir vielleicht nicht wert – aber meinem ungeborenen Kind zuliebe wollte ich das Wissen zusammensuchen, das uns helfen könnte.
Mein dickes Bäuchlein und ich klemmten uns hinter den Schreibtisch und begannen zu recherchieren. Ich arbeitete mich die typischen W-Fragen entlang und beantwortete sie nach und nach, um mein Gewissen zu beruhigen. Ich versuchte mich sogar an englischsprachigen Fachtexten, musste aber einsehen, dass das nichts wird – meine Englischkenntnisse sind einfach zu schlecht. Aber egal, weiterblättern, weitersuchen, noch einen Link klicken, noch eine Webseite durchforsten. Ich sammelte Wissen, was mich beruhigte, aber es schuf auch neue Unsicherheiten. Diese Wissenslücken versuchte ich auch mit Erfahrungsberichten anderer Betroffener zu schließen.
Wer bin ich, anderen Ratschläge zu geben?
Schon damals dachte ich, dass es vielleicht gut wäre, dieses zusammengetragene Wissen zugänglich zu machen. Immerhin profitierte auch ich davon, dass es andere Frauen gab, die darüber redeten; sei es nur kurz auf Instagram oder auf ihren Blog. Ich fand das eine gute Idee, aber ich hatte Zweifel dadran, dass meine paar Seiten ausreichend sind. Daher begrub ich so halb die Idee, aber auch nur so halb.
Die Zeit verging und irgendwann hielt ich meine Tochter, gesund und munter, im Arm – das Projekt „Schwanger & Zucker“ war zunächst vergessen. Als sich unser Alltag jedoch langsam normalisierte und eine gewisse Routine einkehrte, keimte das Thema wieder auf, denn auch wenn es Schwangerschaftsdiabetes eher eine temporäre Erkrankung ist, hängt an ihr ein Rattenschwanz der zu einem waschechten Diabetes führen kann. Darum kam das Thema immer wieder auf, meistens dann, wenn die Waage mal wieder mehr Plus als Minus anzeigte und mir die Gummibärchen und Chips vom Vorabend schwer im Magen lagen. Es ließ mich nicht los. Eigentlich wäre es nicht schlecht, das gesammelte Wissen in einem Buch oder Blog zu veröffentlichen und so für jedermann zugänglich zu machen.
Doch immer wenn ich an „Schwanger & Zucker“ und an eine Veröffentlichung dachte, schnürte es mir den Brustkorb zu. Wie als würde ein Kiloschwerer Stein auf mir liegen und mich bewegungsunfähig machen. Ein Stein mit der Aufschrift: Das ist nicht gut genug, was du da ausgearbeitet hast. Ich hatte wirklich nicht viel. Es war keine 30 A4-Seiten. Ich hatte versucht, mich aufs Wesentliche zu konzentrieren und mir das bestmögliche Wissen über Schwangerschaftsdiabetes anzueignen, um eine gesunde Tochter auf die Welt zu bringen. Check, das habe ich geschafft und selbst ich bin nochmal mit einem Blauen Auge davon gekommen…. Auch wenn ich immer wieder meine der Rattenschwanz holt nach mir aus und peitscht mich in die Diagnose.
Aber wäre das für andere ausreichend? Könnte es anderen helfen? Ich suchte nach Helfern, sogenannten Testlesern. Sie sollten mir Rückmeldung geben, über eventuelle Fehler oder darüber, welche Inhalte ihnen fehlen würden. Ich fand eine in Dany und sie gab mir Input zurück, den ich versuchte, bestmöglich umzusetzen. Aber es ist, wie es ist: Die Zeit aller ist knapp, und niemand macht mehr etwas ohne Gegenleistung oder um seinen eigenen Nutzen daraus zu ziehen. Ich will Dany da gar nichts absprechen – sie hat das toll gemacht. Ich möchte damit sagen, dass sie die Einzige war, die sich einfach so die Zeit genommen hat. Danke, Dany.
Ich haderte auf der eine Seite stark über mein Manuskript, andererseits erstellte ich eine Webseite und den dazugehörigen Instagram-Account. Ich nahm sogar den Kontakt zu einer Designerin auf, die mir schon mal eine Anleitung visualisierte und ich nahm sogar schon eine Gewerbeanmeldung vor. Ich wollte alles richtig machen. Irgendwie, wenn nicht schon das Manuscript richtig ist, dann wenigstens alles drumherum.
Ich hatte mein Projekt „Schwanger & Zucker ins Rollen gebracht. Ich hatte es irgendwie „online gebracht“, auszugsweise teilte ich mein Wissen, aber mein ganzes Manuskript hielt ich noch verschlossen. Meine Zweifel über meinen erarbeiteten Wissenspol wuchsen und ich fand keine Motivation mehr ihnen standzuhalten. Ich löschte Webseite und Instagram, die Designerin erhielt keine weiteren Aufträge mehr.
Ich war bereit – bis zu ersten Kritik
All das, was da oben steht, passierte in einem Zeitraum von fünf Jahren. Dann plötzlich eines schönen Morgens, dachte ich mir, ich veröffentliche jetzt mein Manuskript „Schwanger & Zucker“. Ich bewies echt Sitzfleisch und zog durch: Vier Tage später erhielt ich die eMail, dass mein eBook nun veröffentlich worden sei. Es war eine emotionale Berg- und Talfahrt und eine Zerreißprobe für meine Geduld.
Die erste Person, der ich davon erzählte, sagte gleich: „Das hätte ich ja nicht gemacht. Viel zu viele Fehler.“
Das war sehr aufbauend. Nein, es war eher ein richtig fester Schlag in die Fresse und er traf zielgenau meine Selbstzweifel. Die musste ich erstmal runterschlucken. Aber ich dachte mir, von Konstruktiver Kritik kann man ja lernen. Ich fragte nach und erfuhr, dass die Person einen veralteten Wissensstand zu meinem Projekt hatte und ich der Aussage deswegen erstmal keine Gewichtung geben konnte. Zum Teil.
Ich checkte regelmäßig das Back-End der Selfpublisher-Plattform. Immer noch in Prüfung. „Immer noch“ oder eher „Gottseidank“. Ein Wechselbad der Gefühle von Euphorie bis zu Angst.
Die Angst trieb mich dazu, dass ich schon mal schaute, ob man das nicht irgendwie noch stoppen könnte und die Euphorie ließ mich in Papyrus schon mal den zweiten Teil des eBooks anfangen – oder zumindestens die erste überarbeitete Version, weil mir natürlich ein, zwei Dinge bereits eingefallen waren, die da noch gut reingepasst hätten. Das eine wurde gespeichert und beim anderen stellte sich raus, dass ich die Veröffentlichung dann einfach zurücknehmen kann. Kein Grund zur Panik.
Ich habe es trotzdem getan
Ja, aber warum hast du es jetzt veröffentlicht? Ich würde sagen, weil ich jetzt jemanden an meiner Seite habe, der mich auffängt, wenn die Kritiken zu schlecht und nicht nachvollziehbar genug werden. Jemand, der mir helfen kann, das aufzuarbeiten und zu verarbeiten. Das hatte ich all die Jahre nicht. Deshalb war ich wohl auch gehemmt, weil ich niemandem aus meinem näheren Umfeld die Bürde aufdrücken wollte, sich um eine Christiane zu kümmern, die wegen schlechter Kritiken in ein tiefes Loch gefallen ist.
Ich habe immer noch starke Selbstzweifel, ob mein eBook gut genug ist. Aber ich weiß auch, dass man manchmal Wichtiges nicht sieht, weil man seinen eigenen Standpunkt nicht gut ändern kann. Deswegen wäre es – gerade für ein solches Projekt – gut, wenn man es jemandem gibt, der es dann konstruktiv kritisiert. Um es weiter voranzubringen. Bei einem Ratgeber ist das, denke ich, eine gute Sache. Ich kann ihn ja dann irgendwann überarbeiten – vor allem, wenn sich aus medizinisch-wissenschaftlicher Sicht etwas ändert, aber auch, wenn es gute, nachvollziehbare Kritikpunkte gibt, die ich einarbeiten kann.
Und plötzlich stand da: „Live“. Das heißt, mein eBook ist online, es kann gekauft und gelesen werden. DAS ist ein Grund zur Panik. Die Gefühle fuhren in mir Achterbahn. Himmelhochjauchzend es endlich durchgezogen zu haben, aber auch bibbernd vor Angst, dass das wirklich eine ganz dumme Idee war, weil es wirklich ganz großer dummer Mist ist.
In den ersten Wochen tat sich gar nichts. Das eBook schlug nicht wie ein Bestseller ein, was sicherlich auch der fehlenden Werbung dafür geschuldet war. Aber erst einmal war ich froh, dass sich mein Wechselbad der Gefühle einige Tage danach gelegt hatte. Dann, wie aus dem Nichts, wurde ich gefragt, wen ich für die Bewertung meines eBooks angeheuert hätte. „Hä?“
Ich gebe zu, zu diesem Zeitpunkt hatte ich das E-Book fast schon vergessen.
Da war sie: die erste Rezension für mein eBook. Fünf von fünf Sternen! Mir fiel ein Stein vom Herzen. Ich kann dir allerdings nicht sagen, wie ich reagiert hätte, wenn die Bewertung schlecht ausgefallen wäre. Seitdem hat das Projekt eine positive Wendung genommen. Nicht nur mein Brainstorming-Zettel für Ergänzungen ist seitdem gewachsen, sondern auch mein Wille, dem Buch endlich etwas „Werbung“ zu gönnen und eine Webseite dafür umzusetzen.
Also, wenn du gerade selbst mit einem Projekt kämpfst, das du nicht loslassen kannst – ich verstehe dich.
Und vielleicht hilft dir dieser Beitrag, dich zu trauen. Ich hab’s auch getan – und ja, ich lebe noch.
